Wenn die Angst mitfliegt: ein Selbstversuch

Wenn ich am Gate warte und mich umschaue, frage ich mich: Werden wir heute zusammen sterben?

ADAC Kollegin Diana Sprung hat seit Jahren extreme Flugangst. Kann ein Seminar helfen, den Traum vom Reisen in ferne Länder entspannt zu verwirklichen? Sie hat den Selbsttest gemacht. 

Wenn ich am Gate warte und mich umschaue, frage ich mich: Werden wir heute zusammen sterben? Ich bin mir sicher, den Flug nicht zu überleben, weil der Jet abstürzen wird. Trotzdem fliege ich immer wieder. Wenn ich eine Reise buche, verdränge ich die Angst. Dafür kommt sie vor dem Flug umso stärker zurück. Wochen vorher schlafe ich schlecht und kann dann nur mit starken Beruhigungstabletten ins Flugzeug steigen. Irgendwann wollte ich diesen Stress nicht mehr akzeptieren. Ich beschloss, einen Kurs gegen Flugangst zu besuchen. Die Agentur Texter-Millott bietet solche „Seminare für entspanntes Fliegen“ bereits seit dem Jahr 1981 in Zusammenarbeit mit der Lufthansa an.

Seminar gegen Flugangst

An diesem Wochenende sind wir zwölf Teilnehmer zwischen 19 und 41 Jahren. „Jeder dritte Reisende gibt an, Flugangst zu haben. Das tatsächliche Empfinden reicht jedoch von leichtem Unwohlsein bis zu nackter Panik oder Vermeidung“, erklärt Sascha Thomas. Der Diplom-Psychologe leitet den Lehrgang am Münchner Flughafen. Unterstützt wird er von Purser Michael Jäger und Lufthansa-Pilot Simon Holzinger. 

„Jeder dritte Reisende gibt an, Flugangst zu haben.”

Jeder von uns soll zunächst einmal von seinen Beklemmungsgefühlen erzählen. Die einen fürchten sich vor Gewittern und starken Turbulenzen. Andere, wie ich, glauben fest daran, dass das Flugzeug abstürzt, aus welchem Grund auch immer. Die Ursachen für das innere Leid sind ganz verschieden.

Bei Markus kam die Angst plötzlich. „Ich weiß, warum ein Flugzeug fliegt. Ich glaube auch nicht, dass es abstürzt, ich vertraue den Piloten.“ Dennoch überrollte ihn eines Tages kurz vor dem Start eine Panikattacke. Seitdem fürchtet er sich, das so etwas noch mal passiert. Eva erzählt von einem schlimmen Erlebnis: „Plötzlich gab es unglaublich starke Turbulenzen. Teller und Gläser wurden nach oben geschleudert. Ich knallte ein paar Mal mit dem Kopf gegen die Flugzeugdecke.“ Das war vor einem Jahr, seither ist sie nicht mehr geflogen. Bei mir selbst war die Angst auch plötzlich da – als ich sieben Jahre alt war. Ganz ohne erkennbaren Auslöser. Und mit jedem Jahr wurde sie schlimmer.

Dem Flugzeug vertrauen

Damit wir Flugzeugen vertrauen lernen, erklärt uns Pilot Simon Holzinger alles über die Technik. Dazu gehen wir in einen Hangar, wo wir einen A320 und einen A340 besichtigen. Geduldig erläutert der Profi jedes Thema. „Was passiert, wenn ein Triebwerk brennt?“, frage ich den Piloten, während er uns in kleinen Gruppen das Cockpit zeigt. „Dann drücke ich auf diesen Knopf hier, und im Triebwerk wird sofort ein Löschmittel freigesetzt.“ Wenn die Turbine dann nicht mehr funktioniert, sei das kein Problem, so Holzinger: „Der Schub des verbleibenden Triebwerks reicht völlig aus.“ Selbst wenn alle Turbinen schlappmachen würden – was äußerst unwahrscheinlich ist –, fällt die Maschine keineswegs wie ein Stein vom Himmel. „Jedes Flugzeug segelt dann. Bei einer Reisehöhe von 10.000 Metern noch rund 150 Kilometer weit“, berichtet Simon Holzinger.

Für die meisten von uns sind vor allem die Turbulenzen blanker Horror. Der Pilot klärt auf: „Ein Flugzeug ist für Turbulenzen gebaut. Egal, wie stark sie sind, es stürzt deshalb nicht ab.“ Wir sollen auch nicht beunruhigt sein, wenn die Crew sich hinsetzen und anschnallen muss: „Das ist nur zu ihrer eigenen Sicherheit. Sie müssen sich nicht hinsetzen, weil es gleich zur Katastrophe kommt. Das wäre ja Quatsch.“ Psychologe Thomas erklärt, warum Turbulenzen für den Menschen schwer zu verarbeiten sind: „Wir spüren, dass es hoch und runter geht. Da wir Luftbewegungen nicht sehen können, empfängt unser Gehirn unterschiedliche Signale. Damit kann es nicht gut umgehen.“

Der Praxistest

Mit dem neuen Wissen treten wir am nächsten Tag einen Flug nach Frankfurt an. Während der Sicherheitskontrolle und am Gate bin ich noch entspannt. Selbst die Stufen zum Flugzeug steige ich angstfrei hinauf. Anders Eva. Sie würde am liebsten umdrehen. Sascha Thomas bittet sie, zunächst mit ins Flugzeug zu kommen: „Setzen Sie sich einmal auf Ihren Platz. Dann können Sie entscheiden, ob Sie lieber zurück möchten.“ Als der Jet Richtung Startbahn rollt, werde auch ich nervös. Ich bin nicht die Einzige. Eva hat sich entschieden, an Bord zu bleiben und sich ihrer Angst zu stellen. Bei uns beiden fließen Tränen, einige sind sehr angespannt, andere ruhig oder sogar freudig aufgeregt.

Um uns etwas runterzuholen, macht Sascha Thomas mit uns die gelernten Entspannungsübungen. Ab dem Moment, wo der Pilot Schub gibt, spannen wir mehrmals Arme, Nacken und Beine an, halten die Spannung für einige Sekunden und lassen wieder locker. Dann sind wir auch schon in der Luft. Obwohl es wackelt, geht es mir gut. Ich drehe mich um und sehe uns fast alle auf unseren Sitzen hin- und herschaukeln. Das hatten wir am Vortag gelernt: Wenn das Flugzeug wackelt, wackeln wir selbst einfach mit. So spürt man die Bewegungen der Maschine nicht mehr.

Beim Rückflug ist die Angst gar nicht mehr da. Mir hilft vor allem, dass uns Purser Michael Jäger vom ersten Moment an bis zur Landung in München die einzelnen Geräusche erklärt. Als die Flugzeuggeräusche während des Landeanflugs deutlich leiser werden, sagt Jäger: „In dieser Phase braucht der Flieger oft nicht den kompletten Schub. Der Pilot reduziert die Triebwerkleistung auf das Minimum, und das Flugzeug segelt praktisch.“ Dass solch eine tonnenschwere Maschine segeln kann, fasziniert mich wirklich. Ich bin so begeistert, dass ich am liebsten weiterfliegen würde. Hoffentlich hält dieses Gefühl auch bei den nächsten Flügen an.


Diana
Diana
Jahrgang 1990. Exil-Schwabe in Bayern. Studium in Bamberg und München. Mitarbeiterin in der digitalen Kommunikation.

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